Keine halbe Sache

Knapp 700 Meter haben bislang gefehlt, um aus einer halben eine ganze Sache zu machen: Vom 18. November an steht dem Verkehr im Gummersbacher Zentrum ein kompletter Innenstadtring zur Verfügung. Die neuen Straßenstücke zwischen dem Steinmüller-Kreisel und der Kreuzung Hindenburgstraße/Karlstraße/Wilhelm-Breckow-Allee im Süden der Innenstadt ergänzen den bisherigen Halbring und schaffen so eine Verkehrsentlastung für die gesamte City. 

Möglich und nötig wurde der Bau durch das Ende der Firma L. & C. Steinmüller: Die Pläne zur Revitalisierung des Geländes sahen eine umfangreiche Nutzung vor, mit Hochschule, Einkaufszentrum, Unternehmen und Veranstaltungshallen auf der Fläche. Dass die bestehenden Straßen nicht ausreichen würden, um den erwartbaren zusätzlichen Verkehr aufzunehmen, war schnell klar. Ein Gutachten prognostizierte vor zehn Jahren für 2015 eine Zunahme im Zentrum von bis zu 21 Prozent. 

Auf den beiden neuen Teilstücken des Rings, der Hubert-Sülzer-Straße und der Wilhelm-Heidbreder-Straße, werden voraussichtlich im Schnitt 11.200 Fahrzeuge pro Tag unterwegs sein. Diese wahrscheinliche Menge führte auch dazu, die Idee eines weiteren Kreisverkehrs am südlichen Ende der Fußgängerzone zu verwerfen. Stattdessen ist die dort bestehende Kreuzung erweitert und erneuert worden. Konflikte zwischen Auto- und Fußgängerverkehr soll es dort nicht mehr geben: Grünphasen gelten jeweils nur für eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern.

Service für Radfahrer

Die beiden neuen Straßen sind zwischen 6,50 und acht Meter breit, weiten sich an den Einmündungen auf. Rechts und links schließt sich ein drei Meter breiter Rad-Gehweg an. Die Hubert-Sülzer-Straße ist so weit wie möglich an den Hang zur Kleinen Bergstraße gelegt worden, um keinen Platz zu verschenken für den neuen Busbahnhof. Die aufwendige Sicherung des felsigen Hangs gehörte genauso zu den Herausforderungen der Bauzeit wie die Errichtung und der Einbau der neuen Eisenbahnbrücke (siehe Chronik S. 2). Um es Radfahrern etwas einfacher zu machen, liegt der Rad-Gehweg im Bereich unter der Brücke höher als die Straße und verringert dadurch die Steigung.

Insgesamt 11,6 Millionen Euro hat das Projekt „Ringschluss“ gekostet, von denen das Land Nordrhein-Westfalen 8,3 Millionen beisteuerte. Dazu gehört auch die geänderte Straßenführung von Kleiner Bergstraße und Emilienstraße, die losgelöst vom Ring auf die Wilhelm-Bre­ckow-Allee münden. 

So großzügig das neue Teilstück Innenstadtring aussehen mag: Auch hier gilt Tempo 50. Und Busse genießen Vorrang: Sie holen sich beim Ausfahren vom Busbahnhof grünes Licht. Von einer Art Stadtautobahn sind die 700 Meter also weit entfernt.

Namhafte Straßen

Die beiden neuen Teilstücke des Innenstadtrings rufen die Namen von zwei früheren Bürgermeistern der Stadt Gummersbach in Erinnerung: Hubert Sülzer und Wilhelm Heidbreder. Nach beiden wird je ein Straßenabschnitt benannt: der zwischen Steinmüllerkreisel und Kreisverkehr am Busbahnhof heißt künftig Hubert-Sülzer-Straße, die Fortsetzung bis zur Kreuzung trägt die Bezeichnung Wilhelm-Heidbreder-Straße (vorher: Bahnhofstraße). Mit beiden Namen verbindet sich Stadtgeschichte.

Schwierige politische und gesellschaftliche Verhältnisse prägten das Leben Wilhelm Heidbreders. Der 1883 geborene Buchdrucker war 1909 nach Gummersbach gekommen. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte er sich zu einem der einflussreichsten Köpfe der Gummersbacher SPD, leitete als Geschäftsführer den Konsumverein Gummersbach und war 1932/33 ehrenamtlicher Beigeordneter der Stadt.

Dann übernahmen die Nationalsozialisten die Macht, entließen den „politisch Unzuverlässigen“ Heidbreder und steckten ihn als „Marxist“ ins Gefängnis. 1935 kam er ins Konzentrationslager Esterwege, eines der berüchtigten Emslandlager, wo die Häftlinge Zwangsarbeit im Moor leisten mussten. Obwohl er nach vier Monaten wieder entlassen wurde, trug er bleibende körperliche und seelische Schäden davon. Gleich nach dem Krieg nahm Heidbreder seine politische Arbeit wieder auf und wurde 1948 zum ersten sozialdemokratischen Bürgermeister Gummersbachs gewählt. Doch die Anerkennung, die ihm zuteil wurde, konnte die Wunden der Vergangenheit offenbar nicht schließen: Am 22. November 1956, nach seiner Amtszeit, nahm sich Wilhelm Heidbreder das Leben – als Spätfolge der KZ-Haft.

Hubert Sülzer war von 1975 bis 1989 Bür­germeister von Gum­mersbach. Der Rat der Stadt bestätigte ihn nach der Kommunalwahl 1989 im Amt, doch Sülzer nahm die Wahl nicht an. Denn zwei der zur Wiederwahl nötigen Stimmen kamen von den rechtsextremen Republikanern. Mit dieser Haltung sorgte der CDU-Politiker bundesweit für Schlagzeilen und erntete Respekt auch beim politischen Gegner. Der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm lobte die Entscheidung und bescheinigte Hubert Sülzer, mit diesem Schritt der Glaubwürdigkeit aller Demokraten einen großen Dienst erwiesen zu haben. 

Sülzer war 1921 als achtes von neun Kindern in Kempershöhe geboren worden. Den Krieg erlebte er als Soldat, geriet kurz vor dem Ende in russische Gefangenschaft und kehrte 1949 zurück. 1958 trat er der CDU bei, 1964 zog er sowohl in den oberbergischen Kreistag ein als auch in den Rat der Stadt Gummersbach. 1967 wurde er dort CDU-Fraktionsvorsitzender. Nach dem Amtsverzicht 89 blieb er bis 1994 stellvertretender Bürgermeister und schied dann aus der Politik aus. Hubert Sülzer, der allgemein hohes Ansehen genoss, starb 1999. Zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen dokumentieren sein Engagement; so wurde ihm 1988 mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland hohe Anerkennung durch den Staat zuteil.

Wilhelm Heidbreder
Hubert Sülzer

Die Bauchronik

Herbst 2007

Mit dem Bau des „Steinmüller-Kreisels“ an der Rospestraße startet das Projekt „Ringschluss“. Der neue Kreisel dient der zentralen Verkehrserschließung des Steinmüllergeländes; der vierte, zunächst funktionslose Ast bildet die Anknüpfung zum neuen Ring.

Herbst 2009

Die neue Eisenbahnbrücke zur Überführung der Ringstraße wird an ihren endgültigen Platz verschoben; das Bauwerk war neben der Bahnlinie errichtet worden und kann nun eingebaut werden. Damit ist ein für den Ringschluss immens wichtiger Baustein gesetzt.

Spätsommer 2012

Baubeginn für die jetzige Hubert-Sülzer-Straße: Das Teilstück zwischen Rospestraße und Ladenzentrum Alte Post wird im Sommer 2013 fertiggestellt; zuvor war im Januar 2012 das alte Bahnhofsgebäude abgerissen worden, der Weg für die Trasse damit frei.

Herbst 2014

Start zum Bau des Kreisverkehrs am Busbahnhof; der Kreisel nimmt das neue Straßenstück auf und bietet zusätzlich Äste für den neuen Busbahnhof, die Andienungsstraße und die Fortführung des Verkehrsrings; erste provisorische Nutzung im Frühling 2015.

Frühjahr 2016

Mit dem Abriss des alten Busbahnhofs und des Gebäudes der Postschenke beginnen die Arbeiten für das letzte Stück des Innenstadtrings, die Wilhelm-Heidbreder-Straße. In dem Zug wird die gesamte Kreuzung an der Hindenburgstraße erweitert und erneuert.

Silja Nünning, Centermanagerin Forum Gummersbach

„Wir vom Forum Gummersbach freuen uns sehr, dass unseren Besuchern nun die neuen Straßen zur Verfügung stehen. Vor allem werden die Wege für jene kürzer, die mit dem Auto aus östlichen Richtungen zum Center kommen – sie müssen nicht mehr die ganze Stadt durchfahren. 

So können die Autofahrer unter unseren Kunden noch einfacher zu den über 70 Shops im Forum gelangen.“

Jürgen Hefner, Technischer Beigeordneter der Stadt Gummersbach

„Die neuen Straßen kommen nicht nur der Anbindung des Steinmüllergeländes zugute. Vielmehr bedeutet der geschlossene innerstädtische Verkehrsring insgesamt eine deutliche Verbesserung des Verkehrsflusses. Damit ist auch die Grundlage gelegt für eine weitere positive städtebauliche Entwicklung im Gummersbacher Zentrum.“

Jochen Hagt, Landrat des Oberbergischen Kreises

„Mit Blick auf den geplanten Neubau der Kreispolizeibehörde ist die Schließung des Innenstadtrings ein wichtiger Schritt. Durch den geplanten Umzug aus den bisherigen Gebäuden an der Karlstraße und an der Hindenburgstraße erhält die Kreispolizei eine strategisch günstige Lage. Der zukünftige Standort an der Hubert-Sülzer-Straße/Rospestraße bietet durch den Ringschluss und die Nähe zur Westtangente die Gewähr dafür, dass die Polizei schnell ihre Einsatzorte erreichen kann.“

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